Reisezeit ist Foto-Zeit

Petersdom in Rom. DRI aus sechs Aufnahmen, von 30 sec bis 1/2 sec. Brennweite 50mm.

Im Urlaub zu fotografieren ist für viele Menschen eine wahre Leidenschaft.

Für uns engagierte Fotograf*innen stellt sich dann immer die Frage, wie wir dabei vorgehen sollen. Das meint zum einen, was wir für den Urlaub mitnehmen müssen und ob überhaupt das gesamte Equipment notwendig ist. Und zum anderen wollen wir natürlich Bilder machen, die sich von der üblichen Urlaubsknipserei unterscheiden. Dabei sind nicht nur die persönlichen Vorlieben ausschlaggebend. Auch das Ziel und die Art der Urlaubsreise bestimmen die Antworten auf diese Fragen mit.

Wen Du mit dem Auto fährst kannst Du sicherlich viel Equipment mitnehmen, auch wenn Du es eigentlich vor Ort gar nicht brauchst. Etwas enger wird es schon bei Bahnfahrten, hier möchte man ja nicht zusätzlich zum meist umfangreichen Reisegepäck auch noch das ganze Foto-Geraffel mitschleppen. Besonders schwierig wird es aber bei Flugreisen, denn da ist Menge des Gepäcks grundsätzlich eingeschränkt und obendrein noch ein Kostenfaktor. Aber was mit dem Equipment auf Reisen zu beachten ist soll nicht Gegenstand dieses Artikels werden.

Um zu entscheiden welches Equipment Du im Urlaub wirklich brauchst, also welche Kameras und Objektive, Stative und Filter, Taschen und sonstiges Zubehör, solltest Du Dir frühzeitig überlegen, welche Art von Bildern Du denn im Urlaub tatsächlich machen willst. Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen.

Um nun zu entscheiden was wir vor Ort tatsächlich brauchen stellen uns vor allem die Frage:

„Will ich als Tourist*in fotografieren oder als Fotograf*in?“

Worin liegt der Unterschied?

Glaskugelfoto in einer Kirche in Venedig. Brennweite 70mm.
Kugelfotos sind eine Möglichkeit, ohne Superweitwinkelobjektive einen Rundumblick mit aufzunehmen.

Wie Tourist*innen auf Reisen fotografieren

Als Tourist*in nimmst Du ausschließlich Erinnerungen an den Ort auf, an dem Du Dich befindest. Du fotografierst viele Totalen von Gebäuden oder Plätzen, um Dir später nochmal anzuschauen „wie das dort aussah“. Man hofft also auf gutes Wetter, geht lecker frühstücken und läuft dann ein bisschen rum um sich die Stadt/den Ort anzusehen. Wie alle anderen halt auch.

Dabei machst Du

  • langweilige Fotos, da ohne besondere Gestaltung und Mühen
  • austauschbare Fotos. Denn da wo Du jetzt stehst haben schon Millionen andere gestanden und das gleiche Foto gemacht (Glaubst Du nicht? Dann hier klicken)
  • nichtssagende Fotos. Langweiliges Wetter, hässliches Licht, viele Menschen, wenig Zeit.
  • Weitwinkelaufnahmen. Fast immer. Es gibt nichts uninteressanteres 😉
  • Bilder, von denen Du acht Wochen später schon nicht mehr weißt, warum Du sie fotografiert hast.
Haus am Fluß, mittig. Dunstiges Wetter, mäßiges Licht. Viel langweiliger geht’s kaum. Aber Hauptsache man kann zeigen dass man da war. Diese Aufnahme ist ein Schnappschuss aus einem fahrenden Zug durchs obere Rheintal, irgendwo zwischen Bad Honnef und Koblenz.
Der Erinnerungswert mag noch persönlich wichtig sein. (Ist er, ich war auf dem Weg zu einer besonderen Frau 😉 ), Der fotografische Wert geht gegen null.

Wie Fotograf*innen auf Reisen fotografieren

Wer mit dem fotografischen Auge unterwegs ist interessiert sich viel mehr für Details, für Stimmungen, für die Menschen und das Licht. Man bewegt sich azyklisch. Das heißt: Anders als die anderen.

Wir Fotograf*innen scheuen uns nicht davor, um vier Uhr in der Frühe aufzustehen, um die Stadt für uns alleine zu haben. Um den sagenhaften Sonnenaufgang mit seinen unfassbar schönen Farben einzufangen. Um einzelne Menschen auf dem Weg zur Arbeit zu sehen. Um touristische Ziele ganz ohne Menschen aufs Bild zu bekommen.

Sonnenaufgang in Venedig. Der Schattenriss ist ein probates Stilmittel um die Belichtung für den Himmel zu optimieren.

Noch vor der üblichen Frühstückszeit kannst Du bereits zurück ins Hotel. Dann sind die Croissants noch warm, der Kakao noch frisch, die Müdigkeit wieder groß. Und während sich die Touristenbagage um die restlichen Croissants kloppt (die wir gnädigerweise übrig gelassen haben 😉 ) nehmen wir erstmal noch eine Mütze Schlaf.

Gleiches gilt am Abend: Während alle anderen zum Essen gehen, werden die Straßen für eine gute Stunde wieder leer. Es ist kurz vor Sonnenuntergang, das zweitschönste Licht des Tages. Die Tauben ziehen sich zurück, die Menschen kommen zur Ruhe. Hier und da sitzen verliebte Pärchen und warten auf den Sonnenuntergang. Perfekt!

Sonnenuntergang in Venedig. Am selben Tag, aber eine vollkommen andere Lichtstimmung.

Jetzt machst Du

  • interessante Fotos, da sich Dir die einzelnen Motive fast von allein erschließen, ja quasi aufdrängen.
  • besondere Fotos, denn Du hast die Wahl wo und wie Du Dich positionieren willst. Niemand steht Dir im Weg, es gibt keinen Herdentrieb, kein Gedränge, keinen Zeitdruck.
  • spannende Fotos, da das Licht großartig ist. Oder es ist regnerisch und die Luft ist ganz klar und überall spiegelt sich die Welt in Pfützen. Es sind nur einzelne Menschen unterwegs. Alles ist ein Motiv. Du hast Zeit.
  • Bilder mit der Normalbrennweite oder dem Teleobjektiv. Du konzentrierst Dich auf Details, auf Ausschnitte, auf Besonderheiten. Das große Ganze ist Dir egal, Du willst den vielen kleinen Schönheiten Raum geben und Aufmerksamkeit schenken.
  • Bilder, die Du auch in zehn oder zwanzig Jahren noch gerne anschaust und zeigst. Bilder, die einen Seltenheitswert haben, einen Ewigkeitscharakter. Bilder, die eine Zeitstudie sind, von dokumentarischem oder gar künstlerischen Wert.
Ein Metro-Schild in Paris, aufgenommen mit einem Lensbaby (50mm, f/2, geshiftet).
Diese Art der Fotografie erfordert Ruhe und Geduld. Foto: Hermann Klecker

Unterschiedliche Urlaubsarten

Wir können grundsätzlich zwischen drei Arten von Urlauben unterscheiden: zum einen der kurze Städtetrip,  zum anderen die große Landschaftsreise und als dritte Variante die Safari.

Natürlich gibt es auch Mischung dazwischen, aber wir wollen uns erstmal diese drei Punkte genauer ansehen.

Städtereisen

Ein kurzer Trip in der Metropolen Europas ist ja doch eher geprägt davon, die Stimmung vor Ort einzufangen, die Menschen zu fotografieren, kulturelle Besonderheiten zu dokumentieren und architektonische Schätzchen aufzunehmen. Dazu kommt dann auch gern die abendliche oder nächtliche Fotografie von beleuchteten Straßen und Bauwerken.

Die richtige Brennweiten hierfür sind die Normalbrennweite, das gemäßigte Weitwinkel und das leichte Teleobjektiv. In Kleinbild-äquivalenten Werten ausgedrückt: Ein 24-70mm ist Dein dauerhafter Reisebegleiter. Gerne auch ein 24-105, ein 35-150 oder so was in der Art. Das 50mm sollte auf keinen Fall fehlen. Klein, scharf und meist besonders lichtstark ist es das ideale Objektiv für den späten Nachmittag und beginnenden Abend.

Straßenmusiker am Kolosseum in Rom. 50mm Festbrennweite mit 1.8er Lichtstärke.
Ohne dies wäre die Aufnahme nicht verwacklungs- und bewegungsfrei möglich gewesen.

Landschaftsreisen

Wenn es um Reisen in die Weite geht dann höre ich immer wieder was von „Weitwinkel“. Aber warum? Landschaft ist doch schon weit, meistens sogar so weit das Auge reicht. Ein Weitwinkel-Objektiv macht das nicht besser, im Gegenteil. Die kurze Brennweite vergrößert die Räume, lässt alles viel weiter weg wirken, macht alle Bildbestandteile klein und beliebig. Das bringt Dir überhaupt nichts! Im Gegenteil, Du willst vor Ort lieber weit entfernte Dinge nah ran holen, selbst die Berge am Horizont. Und das geht nur mit dem Teleobjektiv.

Allerdings schleppt man ungern bei Wanderungen o.ä. schweres Gepäck in Form von Teleobjektiven mit sich herum. Deshalb tendiere ich hier zu nicht ganz so lichtstarken Telezooms. Da finden wir z.B. den Klassiker, das 70-300mm. Eine besondere Lichtstärke benötigen wir nicht, denn man ist meistens im hellen unterwegs, und bei großen Entfernungen redet auch keiner über Freistellung oder ähnliches. Scharf muss es natürlich sein, aber nicht lichtstark.

Solche Objektive sind ohne Stabliisator schon unter Hundert Euro zu bekommen, mit Stabilisator ab 200,- Euro aufwärts.

Auch hier gilt: Eine lichtstarke Festbrennweite kann Wunder wirken, jetzt aber im Bereich 85-135mm. Das ist übrigens dann auch eine perfekte Portraitbrennweite. Und in diesem Bereich finden wir auch Makro-Objektive, die natürlich ebenfalls immer schön scharf sind und recht lichtstark, aber nicht ganz so günstig 😉

Ein 85er 1.8 bekommt man um 300,- Euro neu, ein 105er Makro liegt dann schon bei ab 700 Euro. Gebraucht mit Garantie (z.B. bei Rebuy) bekommt man diese Standardobjektive oft zu einem Drittel des Neupreises.

Blick ins friesische Wattenmeer. 200mm, f/5.6, 1/4000 se,

Tierfotografie und Safari

Wer Tiere in der Wildnis fotografiert muss mächtige Objektive mit sich führen, sonst wird das nichts. Ab 400mm aufwärts sind angesagt. Um jetzt nicht extreme Brennweiten haben zu müssen empfehlen sich Telekonverter. Mit diesen kleinen, optischen Verlängerungen, die zwischen Objektiv und Kamera angebracht werden, lässt sich die Brennweite verlängern. Dabei gibt es eine etwas kleinere, günstigere Variante mit 1,4x/1,5x Verlängerung und größere, deutlich teurere Varianten mit 2facher Verlängerung. Beide sind aber viel, viel günstiger als ein zusätzliches Objektiv. Und da die Brennweiten nun einmal mit und einmal ohne Konverter genutzt werden können ist man auch ein bisschen flexibler.

Für diese Brennweitenbereiche sind anfänglich Festbrennweiten zu empfehlen. Gute lange Telezooms sind kaum bezahlbar. Eine Ausnahme sind hier die Super-Telezooms im Bereich von 100-400mm oder 150-600mm mit akzeptablen Lichtstärken von 5.0-6.3. Diese bekommst Du schon ab 700 Euro neu.

Löwin aus ca. 700m Entfernung. 500mm mit 2x Konverter = 1000mm
Freundliche Leihgabe von © inafrica.de
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In unseren Grundlagenworkshops I und II werden alle hier in diesem Beitrag beschriebenen Themen behandelt, in der Praxis erprobt und gemeinsam geübt. Die Gruppen sind klein, so dass eine persönliche Betreuung gewährleistet werden kann.
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Zeiten zum Fotografieren, Zeiten zum Genießen

Vergiss nicht dass Du im Urlaub bist. Ich kann mich an Urlaube erinnern, nach denen mein Vater mit einer weißen und einer braungebrannten Gesichtshälfte wieder heim gekommen ist ;-). Und auch die braune Seite zeigte weiße Falten vom ständigen Zukneifen des Auges, das nicht durch den Sucher geschaut hat. Es ist nicht sinnvoll, übers Fotografieren das Erlebnis der Urlaubsreise zu vergessen. Niemand schaut sich nachher eine gesamte Reisereportage mit lauter unwichtigen Bildern an auch Du nicht! Also sortiere gleich vor Ort aus, was Du nachher ohnehin nicht mehr anschauen würdest. Vergiss auch nicht Deine Reisebegleitung: Wer selbst nicht fotografiert hat nicht viel Verständnis dafür, dass Du an jeder Ecke stehen bleibst um Fotos zu machen. Und niemand mag permanent unter Beobachtung stehen.

Wenn Du nicht alleine reist dann solltest Du Zeiten verabreden, zu denen Du fotografierst und Zeiten, in denen Du auch wirklich eine vollwertige Reisebegleitung bist. Zu den meisten Tageszeiten bringt auch der beste Fotograf, die beste Fotografin keine gescheiten Fotos zustande. Das ist zum Beispiel die Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht und das Licht grell, die Schatten tief und die Luft diesig ind am flimmern ist.

Goldene Stunde

Als Goldene Stunden bezeichnen wir sowohl die Zeit nach dem Sonnenaufgang und vor dem Sonnenuntergang. Das Tageslicht ist noch weich, die Schatten sind nicht tief. So hast Du einen Kontrastumfang im Bild, der problemlos mit einer einzelnen Aufnahme einzufangen ist. Morgens wirken Licht und Luft klar und frisch, die Farben sind pastellig und hell. In der abendlichen Goldenen Stunde ist das Licht warm und anheimelnd. Die Sonne steht tief, das Licht muss also einen langen Weg durch die Atmosphäre hinter sich bringen. Das filtert große Teile des Blau und kaltes Grün heraus, so dass die vorherrschenden Farben warmes Grün, Gelb und Orange sind. Durch den eher seitlichen Lichteinfall und etwas diesigere Luft ist das auch die beste Zeit für Portraits

Blaue Stunde

Als Blaue Stunde bezeichnen wir die morgendliche Zeit vor dem Sonnenaufgang und abends die Zeit nach dem Sonnenuntergang. Es ist schon oder noch hell, aber die Sonne scheint hier nicht. Das vorherrschende Licht ist blau, durch den blauen Himmel. Warme Lampen kommen besonders gut zur Geltung, es gibt einen großen, reizvollen optischen Kontrast zwischen Beleuchtung und Schatten.

Gebäude zur Blauen Stunde. Die warme Beleuchtung bildet einen schönen Kontrast zum dunkelblauen Himmel.

Dämmerungsrechner

Du hast vorab die Möglichkeit, Dir sämtliche Blauen oder Goldenen Stunden berechnen zu lassen. Auch Sonnen- und Mondauf- und -untergänge sind gut darstellbar. Und zwar für jeden Ort auf der Welt und jede denkbare Zeit. Dazu brauchst Du nur dieses wunderbare Dämmerungsrechner-Tool von Jekophoto. Da gibst du einfach den gewünschten Ort ein (vollständige Adresse oder Koordinaten) und wählst den Monat und das Jahr aus. Mit einem Klick auf „Berechnen“ gelangst Du dann auf eine Übersicht, die selbsterklärend ist. Hier muss nur noch der genaue Tag in der Liste angeklickt werden und Du kannst alle Daten ablesen und die genauen Richtungen von Sonne und Mond sehen. Besser lässt sich Fotografie nicht planen!

Dämmerungsrechner von Jekophoto

Kameraeinstellungen

Bei diesem Thema höre ich die Puristen schon sagen: „Alles außer Manuell ist Knipsen!“. Diese Aussage ist aber tatsächlich so dumm wie falsch. Okay, wenn Du Deine Zeit am liebsten damit verbringst bei jeder nur denkbaren Lichtveränderung wieder an Deiner Kamera herum zu fummeln, dann gerne. Ich jedenfalls kann mit meinem Leben was besseres anfangen 😉

Halbautomatik

Genau so wenig sinnvoll ist es, in der Vollautomatik zu fotografieren. Dabei verlieren wir jede Möglichkeit zur technischen Gestaltung des Bildes .Es sind die Halbautomatiken, auch Kreativ-Modi genannt, die uns sicherer zum Ziel führen. Je nach Motivlage wählen wir entweder die Belichtungszeit vor (häufig) oder die Blende (eher selten). Den jeweils anderen Wert überlassen wir der Belichtungsautomatik der Kamera, genau so wie – wenn gewünscht – die ISO. Alle anderen Parameter wie Belichtungsmessmethode, Weißabgleich, Autofokus-Einstellung, Belichtungskorrektur, Bildstil, digitale Filter etc. werden weiterhin von uns manuell eingestellt. Somit ist die grundsätzliche Gestaltung gewährleistet, die Kamera kümmert sich dann um Veränderungen im Licht.

Kontrastumfang

Was sich aber wirklich schwierig darstellt ist der verringerte Kontrastumfang unseres Sensors im Vergleich zu vielen Motiven. Gerade zur Mittagszeit ist der Unterschied zwischen ganz hell und ganz dunkel oft so groß, dass wir den Bereich dazwischen gar nicht komplett aufnehmen können. Den aufnehmbaren Kontrastunterschied nennen wir auch Dynamikumfang. Wenn dieser zu gering ist dann sind entweder helle Stellen in weiß ausgefressen (absolut strukturlos) oder im schwarz abgesoffen (ebenso). Oder noch schlimmer: Beides!

Moderne Kameras (seit ca. 2007) verfügen üblicherweise über eine Möglichkeit, den Kontrastumfang mit einem kleinen Tick zu erhöhen.
Je nach Hersteller heißen diese Einstellungen „Tonwert-Priorität“ (Canon), „Acitve D-Lightning“ (Nikon) oder schlicht Dynamikerhöhung. Oder ähnlich, leider hat dafür jede Marke ihre eigene Bezeichnung. Wie das bei Deiner Kamera heißt und ob es einstellbar ist können wir gemeinsam feststellen, schreib mich dazu doch bitte einfach über das Kontaktformular an oder hinterlasse mir einen Kommentar unter diesem Beitrag. Ich versuche dann Dir schnell Klarheit in dieser Frage zu verschaffen.

Belichtungsreihe

Es gibt auch die Möglichkeit, eine Belichtungsreihe aufzunehmen. Dabei macht man mindestens drei Bilder, von denen eins unterbelichtet, eins überbelichtet und eins optimal belichtet ist. Diese Bilder lassen sich dann nachher ganz einfach zu einem Bild mit größerem Dynamikumfang zusammen setzen. Das Beitragsbild ganz oben, vom Petersdom, ist so eine Aufnahme. Hier wurden insgesamt 6 Aufnahmen gemacht, die Werte stehen unter dem Bild. Allerdings müssen diese Bilder absolut deckungsgleich sein, so dass die Aufnahmen unbedingt mit einem Stativ oder zumindest mit einem festen Stand gemacht werden sollten. Hochwertige Kameras können das auch direkt intern, das nennt sich dann HDR oder auch HDO. Auch hier muss die Kamera möglichst still gehalten werden. Aber Achtung: Diese Aufnahmen werden nur im Format jpg abgespeichert, nicht im RAW-Format. Moderne Kameras zeichnen auch die verwendeten Raws auf, aber das ist eher selten.

Solltest Du so eine Möglichkeit nicht haben oder nicht machen können, so empfiehlt es sich eine einzelne, aber deutlich unterbelichtete Aufnahme zu machen (mindestens 1 Lichtwert, LW oder auch EV genannt). Dunkle Bereiche lassen sich deutlich besser aufhellen als ausgefressene helle Stellen abdunkeln. Denn dabei sind definitiv feine Strukturen verloren gegangen. Ein RAW lässt sich um Längen besser korrigieren als ein jpg, da dies bereits ein sehr stark komprimiertes und verlustbehaftetes Bildformat ist.

RAW-Format

Es empfiehlt sich grundsätzlich im RAW-Format zu fotografieren! Es bedarf nur eines geringen Aufwands, diese Dateien in normale Bilddateien umzuwandeln, der potentielle Korrekturspielraum ist einfach ungeschlagen und macht das bisschen Mehraufwand mehr als wett. Das Thema RAW werde ich auch in einem anderen Beitrag vertiefen, für heute bleiben wir einfach mal bei dieser Aussage. Bitte höre da auf mich, Du wirst es irgendwann bereuen wenn Du meinen Rat nicht befolgst!

Das Objektiv

In diesem Beitrag nutze ich häufiger die Begriffe Normalbrennweite, Tele und Weitwinkel. Da Dir diese Bezeichnungen vielleicht noch nicht so geläufig sind will ich sie hier kurz erklären.

Normalbrennweite

Die Normalbrennweite nimmt Bilder so auf, wie Du sie siehst, wenn Du geradeaus schaust. Dein sog. „primäres Gesichtsfeld“, also der Bereich in dem Du gleichzeitig scharf siehst, wird von so einem Objektiv abgebildet. Das ist ein Aufnahmewinkel von ca. 46°. Auch die Tiefenverhältnisse im Bild, also die Abstände der Motive zueinander, sind so wie Du es siehst.
Der letzte Punkt ist dabei für die Bildgestaltung immens wichtig, wird aber kaum wahrgenommen.
Normalbrennweiten finden wir im Bereich von 35-50mm (Kleinbildäquivalenz, also sog. Vollformat-Objektive).

Weitwinkelobjektiv

Das Weitwinkelobjektiv nimmt einen viel größeren Bildbereich auf als das menschliche Auge auf einen Blick wahrnehmen kann. Daran ist erstmal nichts schlechtes. Aber weil Dein Bild dadurch ja nicht größer wird, werden alle Bildbestandteile kleiner dargestellt. Sie scheinen weiter weg, verlieren Details und werden beliebig. Für die eine oder andere Totale mag das ganz okay sein, aber es ist schwierig im Weitwinkel inhaltlich aussagekräftige Bilder zu gestalten.

Teleobjektiv

Das Teleobjektiv macht genau das Gegenteil vom Weitwinkel: Es verengt den Aufnahmewinkel und holt weit entfernte Sachen nah heran. Da auch der Raum zwischen dem Hauptmotiv und der Kamera gestaucht wird, scheinen alle Bildbestandteile aufeinander zu rücken. Dies schafft eine größerre Dichte, eine Art Intimität im Bild, die als sehr ansprechend wahrgenommen wird. Ein leichtes Teleobjektiv ist dazu noch eine perfekte Portrait-Brennweite (85mm-135mm). Stärkere Telebrennweiten brauchst Du z.B. für die Tierfotografie (siehe Punkt Safari) oder für atmosphärische Landschaftsfotografie.

Wie immer ist bei den Objektiven anzumerken: Wenn Du willst dass der Name Deines Kameraherstellers drauf steht zahlst Du das extra 😉 Objektive namhafter Dritthersteller sind nicht minder hochwertig, oft aber deutlich günstiger. Und es kann auch meist nicht schaden über den Kauf von gebrauchten Objektiven nachzudenken. Mittlerweile gibt es ja auch bei verschiedenen Anbietern Garantien auf gebrauchte Ware. Der Preisunterschied ist auch oft enorm.

Technik ausleihen

In der letzten Zeit ist es auch recht günstig möglich geworden, sich Kameras oder Objektive für den Urlaub zu leihen. Wir von der Fotoschule arbeiten dabei mit der Firma Gearflix zusammen. Gerade für besondere Objektive, die man nur wirklich selten braucht, ist es durchaus sinnvoll nur eine geringe Mietgebühr zu bezahlen anstatt ein teures Objektiv zu kaufen, dass dann kaum genutzt wird. Der Verleihservice geht aber weit über Kameras und Objektive hinaus. Actionscams, Drohnen, Gimbals, ganze Lichtanlangen sind heutzutage mietbar. Schau doch mal rein: https://www.gearflix.com/

Das 200-500mm mit Lichtstärke 2.8 von Sigma. Sicherlich eins der beeindruckendsten Teleobjektive überhaupt.
Derzeit bei Saturn im Angebot für nur 19.999,- Euro 😀

Das Stativ

Für die meisten Bilder benötigen wir kein Stativ. Solange tagsüber die Sonne scheint und wir bei Belichtungszeiten bleiben, die kürzer sind als 1/Brennweite (also 1/100 bei 100mm etc.) sollte eigentlich nichts schief gehen. Voraussetzung ist natürlich ein fester Stand. Wer mit einer Fähre in Hamburg über die Elbe gondelt, oder in Venedig stehend in einer Gondel über den Canal Grande, hat sicher mit Verwacklungen zu kämpfen. Auch wenn die Belichtungszeit kleiner wird als 1/30 sollten wir so oder so auf einen stabilen Halt zurück greifen. Dies kann jede Form von stabilem Untergrund sein, z.B. ein Mäuerchen, ein Brückengeländer oder ein Straßenbegrenzungspoller.

Spätestens aber wenn Du Dir den Standpunkt und die Perspektive der Kamera frei wählen willst kommst Du um ein Stativ nicht herum. Es sollte nicht zu klein sein und vor allem nicht wackelig. Ein Stativ, das weniger wiegt als die Kamera, nutzt nicht viel, denn es bietet für Langzeitbelichtungen, Timelapse-Aufnahmen oder HDR-Belichtungsreihen einfach nicht genug Stabilität. Ein gutes Stativ darf auch ein bisschen was kosten. Anders als die Kamera ist es eine Anschaffung auf Lebenszeit. Preise von ca. 300,- Euro inkl. Kopf sind durchaus im unteren Bereich anzusiedeln. Für den Anfang darf es natürlich auch ein günstiges Reisestativ sein. Aber es sollte mindestens eine solche Höhe erreichen dass Du ohne Bücken durch die Kamera schauen kannst. Sonst macht das Fotografieren damit nach kurzer Zeit schon keinen Spaß mehr.

Wenn Du mit dem Stativ fotografierst dann solltest Du auch nicht auf einen Fernauslöser für die Kamera verzichten. Dabei ist es am Anfang egal, ob es ein Kabelauslöser ist, eine Infrarot- oder Funklösung oder gar eine App fürs Smartphone, wenn die Kamera denn schon so modern ist und via Wifi mit dem Telefon gekoppelt werden kann. Eine Auslösung der Aufnahme ohne die Kamera berühren zu müssen ist das A und O für eine verwacklungsfreie Aufnahme.

Experimentelle Fotografie

Neben den statischen Aufnahmen wie sie oben gezeigt wurden kannst Du natürlich auch gerne noch mit der Kamera experimentieren. Dabei gibt es drei einfache Basics, mit denen schon sehr spannende Bilder erzeugt werden können. Alle hier genannten Techniken werden nur kurz angesprochen. Jede davon ist es wert, einen eigenen Beitrag dazu zu schreiben. Und nun weißt Du ja schon was demnächst alles kommt 😉

Mitzieher

Der Mitzieher ist wohl der Klassiker unter den Techniken mit direktem Eingriff während der Aufnahme. Bei Belichtungszeiten von ca. 1/60 Sekunde verfolgst Du das sich bewegende Motiv und drückst in dem Moment ab, wenn es gut im Bildschnitt und vor schönem Hintergrund platziert ist.
Dabei hilft es Dir, vorher auf die richtige Stelle fokussiert zu haben und den Autofokus für die Aufnahme auszuschalten. So ist gewährleistet, dass auch wirklich aufgenommen wird wenn Du den Auslöser drückst.
Mitzieher funktionieren gut mit allem was fährt, aber auch auch laufende Menschen oder reitende Pferde können tolle Motive sein. Selbst Vögel, wenn sie segeln und nicht mit den Flügeln schlagen. Wobei auch letzteres sehr experimentell und vor allem schön sein kann, aber meistens doch nur zu Ausschuss führt.
Mitzieher kennt man häufig aus der Sportfotografie.

Mitzieher einer fahrenden Enduro beim Motocross.
81mm bei 1/80 sec

Zoom-Effekt

Hierbei wird während der Aufnahme gezoomt. Das geht natürlich nur mit einem Zoom-Objektiv, nicht mit einer Festbrennweite. Die Belichtungszeit sollte nicht all zu kurz sein. Alles was kürzer ist als 1/50 Sekunde vermindert den Effekt bis zur Unkenntlichkeit. Die Folge wäre ein statisches, aber vielleicht sogar etwas unscharfes Foto. Wenn man dann das Zoomen auch noch durch eine Bewegung nach vorn unterstützt, so kommt dabei manch sehenswertes, sehr effektvolles Bild dabei heraus. Der Ausschuss ist allerdings sehr groß, auch wenn man es beherrscht. Also nicht verzagen, weiter üben!

Nein, ich pflege mich nicht vor fahrende Taxen zu werfen. Beide Fahrzeuge fuhren gerade im Schritttempo auf die für sie rote Ampel zu.
Ich nutzte die Gelegenheit um diese Zoom-Aufnahme zu machen.
ca. 20-42mm, 1/50 Sekunde

Bewusstes Verwackeln: Intentional Camera Movement

Beim ICM machst Du etwas, dass Du sonst eigentlich vermeidest: Verwackeln.
Aber nicht zufällig, sondern ganz bewusst und so, dass es dem Bild eine besondere Note gibt.

Da ich hierfür ein schönes Tutorial gefunden habe erspare ich mir an dieser Stelle eine längere Beschreibung. Schau einfach mal hier bei Karin Schiel vorbei, da gibt es auch viele schöne Beispielbilder, die Lust aufs Experimentieren machen:
https://karinschielfotografie.com/2018/02/01/icm-intentional-camera-movement/

Während der Aufnahme nach unten verschwenkt. Oder nach oben? Ich habe es immer hin und her versucht.
50mm Normalbrennweite, 1/80 sec Belichtungszeit

Auch eine Drehung der Kamera kann ganz wunderbare Ergebnisse erschaffen:

Palmen gedreht bei Sonnenuntergang
Keine leichte Aufgabe, aber die Ergebnisse sind die Anstrengung oft wert!

Art-Filter

Deine Kamera verfügt über Szene-Modi und künstlerische Filter? Dann ist jetzt genau die richtige Zeit, damit zu spielen 😉
Such Dir ein schön abwechslungsreiches Motiv, d.h. mit mehreren Farben und Formen, und probiere einfach mal alle Filter durch. Das wird am Anfang vielleicht gar nicht so spannend, aber Du wirst merken wie sich die einzelnen Filter auswirken. Im nächsten Schritt suchst Du Dir dann für je einen Filter ein passendes Motiv.
Achte bitte bei aller Spielerei darauf, dass Du weiterhin im RAW-Format fotografierst (wenn die Kamera das zulässt). Dann kannst Du später den Effekt rückgängig machen. Auch wenn die Filter im ersten Moment ganz toll wirken, so weiß ich aus Erfahrung dass man sich irgendwann mal wünscht, von genau diesem Motiv oder Moment eine eher neutrale Aufnahmen zu haben. Und dann ist es meist zu spät 😀

Schnappschuss mit einer sehr einfachen Kompaktkamera, Filter auf „Lomo“ oder „Retro“ oder so was eingestellt, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls sorgt der Filter für eher warme Farben und eine starke Dunkelvignette. An sich schön, aber ich hätte gerade diese Aufnahme auch gerne nochmal für andere Zwecke und in anderer Bearbeitung eingesetzt. Es ist nämlich gar nicht so selbstverständlich eine so schöne Pusteblume zu finden 🙂

Langzeitbelichtung

Wenn Du bei bewegten Motiven, die sonst eine kurze Belichtungszeit benötigen, ausnahmsweise eine Langzeitbelichtung vornimmst, dann kann das absolut wunderbare Bilder hervorbringen. Zugegeben, diese Methode ist nicht immer von Erfolg gekrönt und es braucht auch ein gewisses Grundverständnis für die Belichtung. Ein ND-Filter (oder auch Graufilter genannt) ist hierbei oft unumgänglich. Aber an einem düsteren Tag oder bei Regenwetter kann das sehr faszinierend sein!

Wellen am Strand von Hawaii in einer Langzeitbelichtung
Foto © Vince Cavataio

Fazit

Fassen wir also einmal kurz zusammen, wie Du Dich am besten auf das Fotografieren im Urlaub vorbereitest und was Du vor Ort beachten solltest:

Azyklisch fotografieren

  • Früh am Morgen (Sonnenaufgang und danach)
  • während der Abendessen-Zeit
  • in der Goldenen Stunde
  • in der Blauen Stunde
  • nachts

Detailaufnahmen statt Totale

  • Anstelle ganzer Fassaden lieber einzelne Details
  • Fenster, Türen, Teile davon, Wasserspeier, Burgzinnen, Verzierungen
  • Einzelne Pflanzen, alleinstehende Bäume, Blumenwiesen mit engem Aufnahmewinkel
  • Eine Reihe von Bergflanken anstatt ganze Gebirgszüge, Felswände mit einem Detail zum Größenvergleich (Menschen, Hütten)
  • Flüsse und Seen mit Booten oder Treibgut

Perspektivenwechsel

  • Leg Dich auf den Boden
  • Klettere irgendwo drauf
  • Fotografiere senkrecht nach oben oder unten
  • Bewege Dich auf „Augenhöhe“ Deines Motivs
  • Verändere Deinen Standpunkt. Steh einfach woanders als die anderen!

Experimente

  • Lass die Kamera wandern
  • Lass die Kamera kreisen
  • Zoome während der Aufnahme
  • Spiele mit dem Weißabgleich
  • Nutze die ART-Filter

Und vor allem: Vergiss die Speicherkarten nicht 😉

Ich hoffe, dass Dir dieser Einblick in die kreative Reisefotografie ein paar Denkanstöße mitgegeben hat. Vielleicht habe ich ja in Dir auch die Lust geweckt, ein bisschen zu experimentieren und Dich mit der Kamera weiter anzufreunden.
Wenn Du noch Fragen hast oder weitere Anregungen zur besonders gestalteten Fotografie im Urlaub, dann lass es mich doch bitte wissen. Ich freue mich über jeden Kommentar und jede neue Idee.

In diesem Sinne: Schönen Urlaub und immer Gut Licht!

Dein Fotofreund Roland

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Roland Klecker

Roland Klecker ist Fotograf in den Bereichen Produkt- und Werbefotografie, Interieur- und Architekturfotografie sowie Portraitfotografie für Gewerbe und Privat.

Er leitet die Dortmunder Fotoschule. Dort lehrt er die Fotografie mit all ihren Facetten und den gesamten Workflow von Konzeption, Umsetzung und Postproduktion. Für das Bildungszentrum Brackel CCDo leitet er Kurse im Bereich Medienkompetenz für Senioren und Jugendliche. An der Business Academy Ruhr sowie an verschiedenen IHK doziert Roland als Experte für Fotografie und Video im Social Media Management und Online-Redaktionswesen.

Für den Rheinwerk-Verlag (vormals Galileo Design) ist er Videotrainer für Bildbearbeitung mit GIMP, bei deren Foto-Podcast "Blende 8" Trainer für verschiedene Aspekte der Fotografie. Im Verlag Pearson Photo arbeitete er als Autor für Kamera-Handbücher.

Zudem arbeitet Roland Klecker als freier Foto-Journalist, hauptsächlich in den Bereichen Konzert, Theater, Messe und Event.
Er ist Initiator des Vereins "Hafenknipser", einer gemeinnützigen Organisation für kulturelle Förderung, soziale Teilhabe, Integration und Mitnahme im Dortmunder Bezirk Nordstadt. Er engagiert sich als Mitglied in der Kulturmeile Nordstadt e.V. und im erweiterten Vorstand des Förderverein Kinder und Zoo Dortmund e.V.
Roland Klecker

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