Warum Bildkritik im Internet so schmerzt

oder: Warum ich kritisiere wie ich kritisiere

Liebe Fotofreundin,
lieber Fotofreund,

wenn Du das hier liest bist Du wahrscheinlich gerade nicht gut auf mich zu sprechen. Oder Du bist vielleicht wegen meiner Bildkritik nicht sonderlich gut gelaunt. Habe ich Dein Bild „verrissen“? Fühlst Du Dich ungerecht kritisiert? Findest Du meine Meinung unverschämt? Findest Du mich arrogant, hochnäsig und besserwisserisch? Einfach unausstehlich?

Dann hast Du sicher Recht.

Oder?

Was bei Kritik passiert…

Kann ja nicht sein dass dieser Typ es wagt ausgerechnet DEIN großartiges Bild zu kritisieren! Das hat doch so viele Likes! Die anderen finden das doch auch ganz toll! Was für ein Blödmann, der hat doch gar keine Ahnung!

Doch, hat er. Meistens jedenfalls.

Und genau das ist Dein Problem. Denn die Kritik wurmt Dich, der Gedanke er könne doch Recht haben tut weh. Ich weiss das. Ablehnung ist genau so schlimm wie echter körperlicher Schmerz. Sie wird in denselben Hirnregionen auf dieselbe Art verarbeitet. Hier findest Du ein paar mehr Informationen dazu:
http://www.praxis-dr-shaw.de/blog/wie-real-sind-seelische-schmerzen/  oder http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-13204-2011-03-30.html

Das ist der Grund warum Bildkritik so schlimm für uns ist. Sie tut tatsächlich weh, im wahrsten Sinne des Wortes.

Warum Bildkritik kommt

Deshalb lass Dir bitte ein paar Dinge gesagt sein, damit Du mich besser verstehst:

  • Mein Arbeitstag hat 14 oder mehr Stunden. Es bleibt nur wenig Zeit zwischendurch, meist in Bus und Bahn, in Wartezimmern oder im Stau. In diesen Minuten checke ich meine Accounts, meine Lieblingsgruppen und auch die Profile meiner Freunde und Kursteilnehmer. Dabei sehe ich viele Bilder, sehr viele. Dass ich mir ausgerechnet Dein Bild aussuche ist tatsächlich schon Lob genug, denn Du hast etwas grundsätzlich richtig gemacht:
  • Dein Bild ist (bewusst oder unbewusst) so gestaltet dass es in diesem irren Wust von täglichen Bilderströmen auffällt. Dazu muss es emotional wirken, mein Unterbewusstsein ansprechen, de Wunsch in mir wecken es genauer zu betrachten. Chapeau! Dafür gibt es nur wenige, nicht allzu bekannte Mittel, die fast immer perfekt ignoriert werden. Ob Du nun weißt welche das sind oder einfach das Talent dafür hast: Es hat funktioniert! Und das ist sehr gut.
  • Dein Bild ist nicht schlecht! Wäre es nämlich schlecht dann würde ich ihm gar keine Beachtung schenken, nicht meine wertvolle Freizeit dafür opfern. Es sei denn es wäre wirklich und absolut grottenschlecht, furchtbar und peinlich. Dann schreibe ich das aber auch so, unmissverständlich 😉
    Wenn ich also Dein Bild kritisiere dann weil Du schon viel richtig gemacht hast, aber ich noch großes Potential für mehr sehe.
  • Mein Beitrag ist kurz gefasst, sehr kurz. Dabei spreche ich nur die Kritikpunkte an. Ich weiß, man sollte immer erst loben, das Positive hervorheben, einen freundlichen Einstieg finden, blablablubb. Dafür habe ich weder Zeit noch Lust, sorry. Wer seine Bilder in ein Diskussionsforum wie facebook, fotocommunity, Stern View o.ä.  online stellt muss mit Kritik rechnen. Lob und Schleimerei Schmeichelei kommt von den anderen genug, von den Unwissenden oder Freundlich-Unehrlichen, das muss ich nicht wiederholen. Meine Kritik ist immer ein Finger in der Wunde. Der tut manchmal weh, aber er sorgt dafür dass es beim nächsten Mal nicht mehr dazu kommt. Und das ist genau meine Mission:
  • Ich will dass Du jeden Tag ein bisschen besser wirst!

Kategorien von Kritik

Und deshalb unterscheide ich natürlich auch klar, wie ich welche Bilder kritisiere. Je nachdem wie Dein Bild auf mich wirkt (oder ob ich Dich kenne) gibt es drei Kategorien, innerhalb derer ich mich mit meiner Kritik bewege:

  • Anfänger

    Ich sehe Dein Auge fürs Motiv, Deine Wahl des Bildschnitts, des Bildaufbaus, der Farbgebung. Ich erkenne die Intention dahinter. Aber ich sehe auch klassische Anfängerfehler, ohne die es noch besser würde. Seit zehn Jahren gebe ich nun Kurse für Einsteiger, mit mittlerweile über 5000 Teilnehmern. Daher weiß ich ziemlich genau woran es hapert 😉 Hier bekommst Du eine kurze Kritik von mir was zu vermeiden wäre oder besser gemacht werden könnte. Mehr nicht, denn das musst Du erstmal verdauen.

  • Fortgeschrittene

    …die aber einem unvorteilhaften, weil zwar modernen, aber der Qualität schadenden Hype nachjagen. Oder die leider in den Sozialen Medien durch viele dumme, unerfahrene Kommentatoren mit den immer gleichen dämlichen missverstandenen Tipps aufs falsche Gleis geführt wurden. Nein, es ist nicht besser oder richtiger, nur weil die Masse es gerade macht! Pferdeäpfel schmecken auch nicht gut, nur weil tausend Fliegen sie unwiderstehlich finden 😉 Mach es bitte so, wie Du es einmal gelernt hast. Und nicht wie Du meinst dass es der Masse am besten gefällt. Laufe keinem Hype hinterher!

  • Falsche Prioritäten

    Da gibt es vieles, deshalb hier nur mal zwei Beispiele:
    Wenn weder Augen noch Hände des Modells scharf sind, aber im Dekolleté jede Pore erkennbar ist, dann weiß ich wo Du hin geschaut hast! Und wenn die Pose dann auch noch sehr unnatürlich ist aber dafür einen tollen Einblick in eben jenen Bereich bietet, dann haue ich Dir die Hucke voll! Und das hast Du dann einfach verdient.
    Das gleiche gilt für die Bearbeitung: Tooooll wie schön unscharf Dein Hintergrund ist und wie modern die Farben in cyanbraun daher kommen! Wenn aber das Modell immer noch dicke Ringe unter den Augen hat oder in der Landschaft immer noch ein rotweißer Absperrpoller steht, dann fehlt hier eindeutig der Blick fürs Motiv, fürs Wesentliche, dann geht es nur noch um Hype. Siehe oben!

  • Faulheit und Feigheit

    Die größten Feinde des Fotografen! Oder um es etwas höflicher zu formulieren: Bequemlichkeit, falsche Prioritäten, kleines Ego.
    – Geh doch bitte näher ran! Sprich die Leute an, oder schrecke wenigstens nicht davor zurück! Wähle die richtige Brennweite, vergiss das blöde Weitwinkel! Nimm Dir drei Sekunden mehr Zeit, zumindest lange genug um stehen zu bleiben! Lass die anderen weitergehen, Du brauchst jetzt noch ein bisschen! Oder gehe direkt alleine fotografieren, wenn die anderen Dich nicht lassen!
    – Hier hättest Du Dich nur etwas zu bücken brauchen! Einmal eine andere Perspektive, in die Knie gehen oder die Kamera über Kopf halten um sie zu verändern! Klettere irgendwo drauf! Stütz die Kamera irgendwo ab!
    So was halt.
    Jeden Tag erlebe ich dass minderwertige Bilder entstehen nur weil der Kamerabenutzer ein bisschen zu bequem war, ein paar Sekunden zu wenig Zeit hatte oder sich schlicht nicht zugetraut hat die notwendigen Schritte aufs Motiv zu gehen oder ein paar klare Worte zu sprechen.
    Und ja, man kann es dem Bild ansehen dass so was passiert ist. Oder es lässt sich mit einer einzigen Frage feststellen.

Die schlimmsten Fehler

Am schlimmsten sind aber jene Fehler die entstehen weil man sich geschämt hat das Bild richtig zu machen! Geht’s noch? Auf ein gutes Bild verzichten weil so ein blöder Forenquatschkopp keine Ahnung vom Fotografieren hat, aber davon sehr viel? Das ist sooo schade 🙁

Was ich damit meine? Das fängt schon damit an das Live-View zu benutzen. „Fotografieren übers Display, so was macht doch keiner der Ahnung hat!“
Doch, macht man. Denn es ist nicht nur viel sinnvoller mit beiden Augen zu schauen als mit einem, sondern man kann auch besser so dolle Hilfsmittel benutzen wie die elektronische Wasserwaage, die Einblendung von Hilfslinien für einen geraden Horizont oder den goldenen Schnitt, die Belichtungssimulation, das Histrogramm…
Der Sucher ist sicher immer dann hilfreich wenn die Sonne so richtig knallt (damit man was sehen kann), aber er ist auch einfach ein Relikt aus früheren Zeiten. Meistens überflüssig.

„Früher war alles besser“

Aber es gibt halt immer noch Ewiggestrige, die meinen dass so was ja keine richtige Fotografie sei. Genau so wenig wie ein Klappdisplay. „Der wahre Fotograf schmeißt sich gefälligst in den Dreck und leidet für ein gutes Foto, verstanden?
Nein. ER hat nicht verstanden. Und zwar dass man viel relaxter, entspannter und konzentrierter arbeiten kann wenn man nicht im Schmodder liegt, sich nicht die Luft abquetscht, keinen Spagat macht und sich keine Erkältung auf den eisigen Steinfliesen des Pantheons holt. Das mag nicht gewagt aussehen, okay. Aber ich benutze meine Kamera dazu um gute Fotos zu machen, nicht um mein kleines Ego aufzupolieren. Und Du?

Naja, bei schönem Wetter macht das ja noch Spaß, aber bei eiskaltem Nieselregen? Never!

Bei Sonnenschein liegt es sich gut im Schatten

Alberne Gründe

Dann gibt es da noch die albernen Gründe:

  • „Das Raw-Format ist viel zu groß“

Nicht im RAW zu fotografieren wegen der Speichergröße? Vergiss es! Vor zehn Jahren war das noch ein Grund, aber heute?  In Zeiten in denen man 3 Terabyte Speicher bekommt für weniger als einmal Volltanken ist das kein akzeptabler Grund mehr.

Weil man sie ja bearbeiten muss? Unsinn! Alles nur Ausreden, aus Bequemlichkeit. Oder aus Unsicherheit („ich kann das bestimmt nicht“), aber das ist letztlich auch nur Bequemlichkeit. Du brauchst keine Stunde um das zu lernen, man müsste nur mal damit anfangen. Und zwar am besten mit der herstellereigenen Software, denn darin heißt auch noch alles so wie in der Kamera. Und wenn man dann umsteigt auf LR, DXO oder Phase One (um nur einige professionelle RAW-Konverter zu nennen) kann man sich wirklich schnell umgewöhnen, denn da sieht das alles irgendwie genau so aus. Die können dann aber nicht nur die Basics, sondern noch viel mehr.

Anstatt sich also ein bisschen mit der Materie zu beschäftigen werden dann schlechtere Bilder gezeigt. Dann macht man lieber Fotos die falsch belichtet wurden, einen blöden Weißabgleich haben oder mit dem Kontrastumfang nicht klar kommen. Dem versuchst Du dann mit übertriebenem HDR-Look oder anderen schrecklichen Bearbeitungen zu begegnen, was aber natürlich zur nächsten Kritik führt (Stichwort: „HDR des Grauens“) Wenn Du dich dann in die Enge gedrängt fühlst kommt ganz schnell der Satz:

  • „Alles so gewollt.“

Muss ich das jetzt noch kommentieren? Frag Dich mal selber warum Du das sagst. Es ist eine Ausrede. Ich verstehe Dich sogar, Du willst endlich Deine Ruhe. Es ist wie unter Folter, das Geständnis unterschreibt man auch nur um dem Schmerz ein Ende zu bereiten. Darum muss dieses Totschlag-Argument her. Das ist sehr schade, hier verlierst Du die Chance wirklich was dazu zu lernen.

Und in dem äußerst seltenen Fall dass wirklich alles so gewollt war: Dann war es schlecht gewollt, oder nicht ausreichend bedacht. Dann nimm gefälligst die (sachliche) Kritik an, dann kannst Du es beim nächsten mal besser wollen 😉
Natürlich kann es auch schlicht und einfach sein dass wir grundverschiedene Geschmäcker haben. Oder Du denkst nochmal über die Fliegen oben nach.

Last but not least

Du weißt dass Du Mist gebaut hast, findest das Bild aber trotzdem schön? Das ist völlig legitim, denn unsere Bilder haben für uns natürlich oft auch eine emotionale Bedeutung. Aber dann solltest Du Dir überlegen ob Du es der Öffentlichkeit präsentierst. Oder schreib es dazu, unmissverständlich. Niemand wird sich dann über die Technik oder Qualität her machen, sondern sich mit Dir über den schönen Moment freuen.
Stellst Du das Bild aber ohne diese Warnung zur Diskussion bekommst Du zurecht schlechte Kritiken, denn gerade bei schönen Motiven oder besonderen Momenten sind die Fähigkeiten des Fotografen gefragt! Und was passiert dann? Du ärgerst Dich maßlos, gerade weil Dir das Bild so viel bedeutet. Und schon kommt es wieder zu bösen (und vollkommen überflüssigen) Wortwechseln.

Manche Bilder sind einfach nur Müll. Aber man mag sie trotzdem 🙂

Fazit

Dieser Text entstand letztlich aus unzähligen Kommentar-Schlachten, die sich in den letzten 10 Jahren online unter meiner Mitwirkung entwickelt haben. Es geht hierbei also gar nicht darum wie man richtig kritisiert. Es geht darum WARUM Bildkritik kommt, wieso sie weh tut und weshalb wir so darauf reagieren wie wir reagieren. Und da nehme ich mich nicht aus. Wenn wir uns hier mal über die korrekte Art der Bildkritik unterhalten sollen, wie man es auch bei Bildbesprechungen macht und in Jurys, dann schreib mir das doch bitte in einen Kommentar.

Um der Gefahr allzu emotionaler Reaktion auf Kritik zu entgehen kann ich Dir eigentlich nur einen Rat mit auf den Weg geben: Wenn Du ein Foto postest, dann schaue bitte NIEMALS sofort auf die ersten Kommentare! Schlaf eine Nacht darüber, lass ein paar mehr Leute zu Wort kommen. Dann stellt man sehr schnell fest ob sich einfach nur die Gemüter daran spalten oder ob es einen einheitlichen Tenor in Richtung pro oder contra gibt. Und dann denke bitte erstmal ein paar Minuten darüber nach was Dir die Kritiker sagen wollten. Wenn dann immer noch dieses gefährliche Pochen in der Halsschlagader zu spüren ist, verbunden mit dem unterschwelligen Drang jemanden zu töten, dann ist es wohl immer noch zu früh zum antworten 😉
Beruhige Dich, finde Abstand, reg Dich nicht auf. Niemand kritisiert DICH.

Es ist nur ein Foto.

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Roland Klecker

Roland Klecker

Roland Klecker ist Fotograf in den Bereichen Produkt- und Werbefotografie, Interieur- und Architekturfotografie sowie Portraitfotografie für Gewerbe und Privat.

Er leitet eine Fotoschule in Dortmund-Brackel. Dort lehrt er die Fotografie mit all ihren Facetten und den gesamten Workflow von Konzeption, Umsetzung und Postproduktion. Für das Bildungszentrum Brackel CCDo leitet er Kurse für Senioren und Jugendliche. An der Business Academy Ruhr sowie an verschiedenen IHK doziert Roland als Experte für Fotografie im Social Media Management und Online-Redaktionen.

Für den Rheinwerk-Verlag (vormals Galileo Design) ist er Videotrainer für Bildbearbeitung mit GIMP, bei deren Foto-Podcast "Blende 8" Trainer für verschiedene Aspekte der Fotografie. Im Verlag Pearson Photo arbeitete er als Autor für Kamera-Handbücher.

Zudem arbeitet Roland Klecker als freier Foto-Journalist, hauptsächlich in den Bereichen Konzert, Theater, Messe und Event.
Er ist Initiator und zweiter Vorstand des Vereins "Hafenknipser", einer gemeinnützigen Organisation für kulturelle Förderung, soziale Teilhabe, Integration und Mitnahme im Dortmunder Bezirk Nordstadt.
Roland Klecker

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4 Gedanken zu “Warum Bildkritik im Internet so weh tut

  1. Schlimm sind solche Leute wie Sie Herr Klecker, die meinen Sie hätten Ahnung und machen noch den mund auf. Wenn ich Ihre Workshop Besucher so höre, kommt der Bereich hochnäsig, arrogant und selbstherrlich schon sehr nahe. Einige Anfänger machen bessere Bilder als Ihre 08/15 Bilder es jemals sein werden. Sie sind in meinen Augen kein guter Fotograf.

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