Schmerz ist ungerecht. Und er macht ungerecht.
Mich zum Beispiel, manchmal.
Trauer ist da besonders schlimm. Du hast jemanden verloren, der andere nicht. Der andere ist doof. Und hat überhaupt kein Recht jetzt gerade glücklich zu sein, oder auch nur zufrieden.
Mein Gauner ist tot. Der schönste, lustigste, eigenwilligste und herrischste Dackel auf der ganzen Welt. Einfach so. Keine Zeit für eine Vorbereitung, keine Zeit für einen Abschied. Einfach tot. Es ist so ungerecht.

Gerade als ich in den Aufzug steigen will kommt eine junge Frau dazu, sie will auch mit der U-Bahn fahren. Offensichtlich eine Muslima. ‚So ne Kopftuch-Tante‘, wie mein Vater sagen würde, ohne das böse zu meinen. Plötzlich will ich sie anblaffen :“Kannst ruhig mitfahren, brauchst ja jetzt keine Angst mehr zu haben!“

Viele Orientalen haben Angst vor Hunden. Das ist wohl herkunftsbedingt von den Eltern übernommen. Verwilderte Straßenköter und so, wer weiß. Hier bei uns fand ich das immer schon albern. Erst recht bei Gauner. Der war so ein richtiger Integrationshund, den durfte jeder streicheln der sich getraut hat.

Dann hielt der sonst so schnell gelangweilte Hund auch ganz brav still. Und schaute sein Gegenüber aus seinen schönen braunen Augen ganz intensiv an als wollte er sagen „Komm, trau Dich, ich beiße nicht“.
Wie vielen jungen und alten Menschen der Gauner schon die Angst vor Hunden genommen hat weiß ich nicht, aber er hat oft einen Anfang gemacht. Wie noch vor ein paar Wochen, beim Willkommensfest im Westpark. Hunde sind toll um mit Menschen ins Gespräch zu kommen, um ihnen die Angst zu nehmen. Angst vor dem Fremden, vor der Einsamkeit, der Hilflosigkeit, ja sogar vor dem Tod. Als Mitbewohner, Begleithunde, Therapiehunde, Freunde, kleine Familienmitglieder. Hunde sind toll.

„Auch in die Zweite?“ frage ich. Sie hatte zwar schon auf eine Taste gedrückt, aber es leuchtet keine Lampe. „Nein, in die Dritte, zum Borsigplatz“ sagt sie (akzentfrei). Hätte ich mir denken können. U44, der Orient-Express, wohin sonst. Da ist sie wieder, diese Ungerechtigkeit, aus der Trauer heraus. Warum ist das so? Ich spüre noch seine Wärme, bilde ich mir ein. Sie ist wirklich noch ein bisschen warm, die Tasche, die ich mir ganz fest umgehängt hatte, mit der ich den Gauner gerade eben zum Tierarzt getragen habe. Nicht zum Abdecker, zur Feldbestattung. Seine Asche wird auf einer Wiese verstreut werden, irgendwo im Grünen, das er so geliebt hat.

„Sie müssen hier fester drücken, die Tasten sind schon alt“ sage ich mit etwas schlechtem Gewissen. Ich will nicht ungerecht sein. Ich will ein bisschen mehr wie Gauner sein. Ohne Vorbehalte, einfach freundlich. „Wir werden alle alt“ sagt da plötzlich die alte Frau, die sich soeben noch unbemerkt in den Aufzug gezwängt hat. Stimmt. Gauner wurde auch alt. Zwölf Jahre. Zu kurz war die Zeit für mich und meine Familie, aber lang und intensiv für ihn. Und schön. So schön.

Ich bin so unendlich traurig.

PS: Verpasst es nicht schöne, ordentliche Fotos von Eurem Begleiter zu machen. Man denkt sich immer „man müsste mal“.
Irgendwann ist es zu spät, und Ihr habt -wie ich- nur noch blöde Handyfotos als Erinnerung.

 

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Roland Klecker

Roland Klecker

Roland Klecker ist Fotograf in den Bereichen Produkt- und Werbefotografie, Interieur- und Architekturfotografie sowie Portraitfotografie für Gewerbe und Privat.

Er leitet eine Fotoschule in Dortmund-Brackel. Dort lehrt er die Fotografie mit all ihren Facetten und den gesamten Workflow von Konzeption, Umsetzung und Postproduktion. Für das Bildungszentrum Brackel CCDo leitet er Kurse für Senioren und Jugendliche. An der Business Academy Ruhr sowie an verschiedenen IHK doziert Roland als Experte für Fotografie im Social Media Management und Online-Redaktionen.

Für den Rheinwerk-Verlag (vormals Galileo Design) ist er Videotrainer für Bildbearbeitung mit GIMP, bei deren Foto-Podcast "Blende 8" Trainer für verschiedene Aspekte der Fotografie. Im Verlag Pearson Photo arbeitete er als Autor für Kamera-Handbücher.

Zudem arbeitet Roland Klecker als freier Foto-Journalist, hauptsächlich in den Bereichen Konzert, Theater, Messe und Event.
Er ist Initiator und zweiter Vorstand des Vereins "Hafenknipser", einer gemeinnützigen Organisation für kulturelle Förderung, soziale Teilhabe, Integration und Mitnahme im Dortmunder Bezirk Nordstadt.
Roland Klecker

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4 Gedanken zu “Schmerz macht ungerecht

  1. Auch mein Beileid. So wie Dir erging es uns kurz vor Weihnachten, als unser Kater Theo nach kurzer Krankheit und einigen OPs eingeschläfert werden musste. Er hat eine Lücke hinterlassen. Wir haben zwar wieder eine neue Katze, aber er war schon was besonderes. ich werde nie vergessen, wie wir ihn aus dem Tierheim geholt haben, das Fell total löchrig geschnitten, weil er total verfilzt aufgegriffen wurde.

    Halt die Ohren steif.

    Liebe Grüße, Karsten

    • Das werde ich Karsten, danke.
      Jedes Tier ist was besonderes. Eine neue Katze kann zwar die alltägliche Lücke füllen, doch niemals den langjährigen Freund ersetzen.
      Aber sie kann eine neue langjährige Freundin werden 🙂
      Ich wünsche Euch alles Gute.

  2. Mein herzliches Beileid, Roland.

    Wir kennen uns nicht, ich verfolge nur hin und wieder deine Bilder in einigen FB-Gruppen und Blogeinträge hier. Trotzdem möchte ich dir hier einen Kommentar hinterlassen.

    Dein Beitrag hat mir grad die Tränen in die Augen geschossen, da sich meine Katze derzeit auf dem Weg zur Regenbogenbrücke befindet. Wie lang ihr Weg noch ist, kann niemand sagen. Evtl. ist er morgen schon zuenden, u.U. bleiben ihr aber auch noch ein paar Wochen oder Monate. Ein bösartiger Tumor, der trotz zwei OPs in die Leber gestreut hat – nichts mehr zu machen, ganz fiese Sache…

    Es liest sich, als hätte dein Gauner eine ganz tolle Zeit bei dir gehabt. Ruf dir das immer wieder in Erinnerung und sei ruhig ungerecht. Menschen, die dir nahe stehen, werden das verstehen und alle anderen sind eh hupe. In diesem Sinne wünsche ich dir nur das Beste.

    Viele Grüße
    Michaela

    P.S.: Die U43 fährt nach Brackel. 😉

    • Hallo Micha,
      vielen Dank für Deine Worte. Ich wünsche Deiner Katze alles Gute, wie immer das auch in der Situation aussehen mag.
      Die schwierigste Entscheidung müssen wir oft treffen. Das ist der Preis für diese bedingungslose Liebe.
      Alles Gute,
      Roland

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